Negativer Nachmittag: Einstein, die »Liga gegen Imperialismus« und der Pogrom in Palästina 1929

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Negativer Nachmittag: Einstein, die \u00bbLiga gegen Imperialismus\u00ab und der Pogrom in Pal\u00e4stina 1929
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Albert Einstein, die »Liga gegen Imperialismus« und die antijüdischen Ausschreitungen im Mandatsgebiet Palästina 1929
Die »Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit« war wahrscheinlich die einflussreichste antikoloniale und antiimperialistische globale Vernetzung der Zwischenkriegszeit. Unter klandestiner Führung der Komintern, insbesondere Willi Münzenbergs, konnte sie auf dem Brüsseler Kongress im Jahre 1927 eine Vielzahl divergierender Akteure zusammenbringen: Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Nationalrevolutionäre, Schriftsteller, sowie prominente Vertreter der Unabhängigkeitsbewegungen wie Ho Chi Minh, Mohammad Hatta oder Jawaharlal Nehru. Vor dem Hintergrund der Enttäuschung über die Politik des Völkerbundes und der Aufstände in Nicaragua, Marokko, Syrien, Indonesien und China konstituierte sich eine transnationale Konferenz- und Solidaritätsdiplomatie, deren Wirkung auf die Geschichte der Dekolonisierung wie der Vernetzung der späteren Blockfreien nicht zu unterschätzen ist. Mit der Unterstützung von Wissenschaftlern wie Albert Einstein, der die Schirmherrschaft des Brüsseler Kongresses und den Ehrenvorsitz der Liga innehatte, konnte ein Medienecho erreicht werden, das es den antikolonialen Kräften erlaubte, ihre Forderungen und Ziele in die westlichen Zentren zu tragen und sich untereinander zu vernetzen.
Voraussetzung für die Zusammenarbeit war ein amorpher Imperialismusbegriff, der die immanenten Widersprüche nicht offen zutage treten ließ. Doch schon im Vorfeld kam es zu Verwerfungen, die hinter der politischen Großwetterlage verborgen blieben. Jamal al-Husayni, Teil der Husayni-Familie – deren bekanntester Vertreter wohl der Großmufti Amin Husseini ist – und u.a. Mitglied des Obersten Muslimischen Rats in Palästina, sollte als Delegierter auf dem Kongress in Brüssel teilnehmen. Auf Intervention der arbeiterzionistischen Poale Zion konnte dies verhindert werden. Spätestens seit dem 6. Parteitag der KPdSU im Jahre 1928 änderte sich mit der Klasse-gegen-Klasse-Politik und dem Kampf gegen den vermeintlichen Sozialfaschismus die Situation: Poale Zion wurde in der Sowjetunion verboten und die KPdSU bzw. die Komintern initiierte die Arabisierung der KP Palästinas. In der Liga eskalierte der Konflikt auf dem Frankfurter Kongress 1929. Die arabischen Delegierten attackierten die Arbeiterzionisten als »Instrument in den Händen des englischen Imperialismus«, und es wurde eine Resolution verabschiedet, die den Zionismus als besonders gefährlich brandmarkt, da er »hinter einer humanitären Maske« die »stärkste Stütze des britischen Imperialismus in Palästina« sei.
Schon mit der Bolschewisierung der Liga setze ein Mitgliederschwund aufgrund der kommunistischen Selbstzerstörung ein, der sich nunmehr wegen der antizionistischen Ausrichtung ausweitete. Die letzten Sozialdemokraten zogen sich entweder zurück oder wurden inklusive Diffamierungskampagne gegangen. Albert Einstein legte am 06.09.1929 wegen der »Resolution gegen das jüdische Aufbauwerk in Palästina« sein Ehrenpräsidentenamt nieder. Mit den antijüdischen Ausschreitungen im Mandatsgebiet Palästina, insbesondere den Massakern in Hebron und Safed, vertieften sich die Gräben. Albert Einstein intervenierte öffentlich auf Seiten der »bejammernswerten Hinterbliebenen der großen russischen Pogrome«, die eine »Zuflucht gefunden hatten« und nun Opfer einer »Orgie so primitiver Brutalität« wurden, und stellte fest, dass ein »Teil der englischen Presse zu einem Propagandafeldzug, nicht gegen die Urheber und ihre Helfershelfer, sondern gegen ihre Opfer« auszog. Nicht zuletzt verwies Einstein in seinem Artikel auf die unrühmliche Rolle des Großmuftis von Jerusalem.
Ganz anders die Liga und die Komintern, die nach ethnischer Säuberung der KP Palästinas in den Pogromen einzig einen »ausgesprochen antiimperialistischen Charakter« entdecken konnten. Nach Maßgabe sowjetischer Außen- und Innenpolitik und vor dem Hintergrund völliger Ahnungslosigkeit über die Klassen- und Herrschaftsverhältnisse im Mandatsgebiet wurde in einem Mix aus Lüge und Dummheit jedwede Kritik der ideologischen Triebfedern der Ausschreitungen abgewehrt – zuweilen wider besseres Wissen. So missbilligte das Sekretariat der Liga ausdrücklich einen Aufruf ihrer englischen Sektion, in dem es hieß: »Die britische Verwaltung in Palästina hat, obwohl sie sich der Möglichkeit des Blutvergießens voll bewusst war, keine Schritte unternommen, um dies zu verhindern. Es besteht kein Zweifel darüber, dass die anti-jüdischen Elemente einen beträchtlichen Einfluss auf diese Verwaltung ausüben«.
Die Verleugnung des Antisemitismus im »year zero of the Arab-Israeli conflict« (Hilal Cohen) und die argumentative Nähe zu den Nationalsozialisten, die in Bezug auf die Ausschreitungen 1929 in idealtypischer Täter-Opfer-Umkehr von der »jüdische[n] Schuld an den Morden in Palästina« (Völkischer Beobachter) schwadronierten, bedarf eingehenderer Analyse. Wie immer bei Kaffee und Keksen.
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