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Kriegsjournalist:innen nehmen im Kino eine besondere Stellung ein: Sie sind zugleich Zeugen und Akteure, die durch ihre bloße Anwesenheit jene Kriege mitgestalten, die zu dokumentieren sie vorgeben. Seit den 1970er Jahren hat das Kino dieses Spannungsfeld wiederholt thematisiert und dabei eine eigene Mythologie des Kriegsreporters geschaffen – vom heroischen Bilderjäger bis zur moralisch zerrissenen Chronistin.Michelangelo Antonionis Professione: Reporter (1975) stellt die existenzielle Frage nach der Identität des Berichterstatters, wenn sein desillusionierter Protagonist mitten in der nordafrikanischen Wüste die eigene Biographie gegen die eines Toten tauscht. Roland Joffés The Killing Fields (1984) verhandelt vor dem Hintergrund des Roten-Khmer-Regimes die Frage, wer das Recht hat, die Geschichten anderer zu erzählen, während Oliver Stones Salvador (1986) den Kriegsjournalisten als moralisch kompromittierte Figur zeigt. In Roger Spottiswoodes Under Fire (1983) verdichtet sich das ethische Grunddilemma in einer einzigen Szene: Ein US-Fotograf in Nicaragua soll ein Bild fälschen, um die Revolution zu retten. Europäische Produktionen haben das Genre um eigene Perspektiven erweitert – Volker Schlöndorffs Die Fälschung (1981) führt einen deutschen Journalisten in den libanesischen Bürgerkrieg, Michael Winterbottoms Welcome to Sarajevo (1997) reflektiert am Beispiel des Bosnienkriegs die Frage, wann Beobachtung in Intervention umschlagen darf. Alex GarlandsCivil War (2024) entwirft ein verstörend nahes Szenario: Kriegsjournalist:innen, die im eigenen Land an die Front gehen und damit die vermeintlich sichere Distanz zwischen „uns" und „den Anderen" aufheben.
Ein abschließender Blick gilt den dokumentarischen Arbeiten der Gegenwart: 20 Days in Mariupol (2023) von Mstyslav Chernov und No Other Land (2024) von Basel Adra, Yuval Abraham, Hamdan Ballal und Rachel Szor verschieben die klassische Reporterfigur hin zu einer Haltung, in der das Dokumentieren nicht mehr von der eigenen Geschichte zu trennen ist.
Der Vortrag fragt, wie das Kino die Spannung zwischen dem Imperativ, hinzuschauen, und der Unmöglichkeit, das Gesehene angemessen zu vermitteln, inszeniert: Welche Bildethik entwickeln Filme über das Bildersammeln im Krieg? Wie verhandeln sie die Grenze zwischen Dokumentation und Voyeurismus, zwischen Aufklärung und Spektakel? Anhand ausgewählter Filmausschnitte führt der Vortrag von Antonionis existenzieller Reporter-Reflexion über die klassischen Reporterdramen bis zu den selbstreflexiven Arbeiten der Gegenwart.
Conférencier : Yves Steichen
Langue : LU avec interprétation simultanée en français
Entrée gratuite
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Event Venue
1B rue du Centenaire , 3475 Dudelange, Luxembourg, 1B Rue du Centenaire, L-3475 Dudelange, Luxembourg, Dudelange
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