About this Event
Dieter Rohmann, Psychologe, Ausstiegsberater und Seminarleiter für Menschen mit Kulterfahrung, München.
Was brauchen diese Menschen - die sog. „Sektenaussteiger:innen - wenn sie sich eines Tages dazu entschließen, die einstige und einzige kollektive Wahrheit, die Welt ihrer „Brüder und Schwestern im Geiste“ zu verlassen? Wenn sie (wieder) einkehren in eine Welt, die sie eigentlich reformieren oder gar „retten“ wollten, der sie verächtlich den Rücken gekehrt oder die sie sogar verteufelt haben? Der Rückkehr aus einer kleinen, vermeintlich guten und sicheren Welt der monokausalen Erklärungen in die große, vermeintlich böse und unsichere Welt der multikausalen Erklärungen, in der es eben nicht auf jede Frage eine Antwort geben kann und muss?
In der Arbeit mit diesen Menschen, die sich einst aufmachten (aufgrund welcher vorausgehenden konkreten Lebensereignisse und Motive auch immer) Sinn, Orientierung und geistige Heimat in ihr Leben zu holen, gibt es sicherlich keine Methode, die auf all diese Personen in gleichem Maße anzuwenden ist. Dafür sind die Biographien dieser Menschen viel zu unterschiedlich und deren Persönlichkeiten zudem erfreulich heterogen.
Während und nach dem Ausstieg aus einer solchen totalitären Wertegemeinschaft wird intensiv nach Erklärungen für das Geschehene gesucht. Es will und soll verstanden werden, was eigentlich in und durch diese Gruppe geschehen ist, warum man selbst doch so lange (trotz immer wieder aufgetretener Zweifel) ein aktiver und gehorsamer Teil der Ideologie blieb, warum man ging und schließlich wie das eigene Leben nun ohne die „Brüder und Schwestern im Geiste“ und ohne den Glauben, der einst tragfähigen und beflügelnden geistigen Heimat weitergehen soll und kann. Bei einem Ausstieg werden nicht nur einfach Räume gewechselt – sondern ganze Welten. Wertewelten.
Was all diese Aussteiger:innen eint, ist oft eine langjährige Erfahrung von Manipulation und geistigem Missbrauch durch eine Meisterin/einen Meister, Guru, Leiter, Propheten, eine Führungsfigur. Begleitet wird der Ausstieg durch intensive Gefühle von Trauer, Angst, Scham, Schuld, Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit, Misstrauen, Entwertung und Orientierungslosigkeit. Das Gefühl sich im freien Fall zu befinden und nirgendwo wirklich zugehörig zu sein ist nun deutlich spürbar. Eine Art Alien in dieser/unserer Welt, inmitten einer als äußerst schmerzhaft empfundenen Lebensphase von:
„Nicht mehr – noch nicht“.
Aber erst dann, wenn Worte/Begriffe für das Erlebte zur Verfügung stehen, kann mit der Be- und Verarbeitung der Kulterfahrung wirklich begonnen werden.
Auf dem Weg zu ihrem nun endlich „selbstbestimmten Leben“ muss die eigene Sprachlosigkeit behutsam überwunden werden.
Event Venue & Nearby Stays
Jugendinformationszentrum (JIZ), SendlingerStr., München, Germany
EUR 0.00






